POV: Mira
Der Kaffee war noch heiß, als die Welt aufhörte, normal zu sein.
Mira hielt den Becher mit beiden Händen , eine Gewohnheit, keine Wärme, es war August, und schaute auf die Straße vor ihrem Bürogebäude. Acht Uhr morgens. Dienstag. Menschen liefen vorbei wie immer, Kopfhörer in den Ohren, Blicke auf Handys gerichtet, niemand schaute an.
Dann wurde der Himmel rot.
Nicht langsam. Nicht dramatisch wie ein Sonnenuntergang. Einfach rot. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Mira schaute nach oben. Alle schauten nach oben. Für genau zwei Sekunden war die ganze Straße still, und Mira dachte noch: Vielleicht ist es ein Wetterphänomen. Vielleicht ist es ein Flugzeug. Vielleicht
Dann erschien das Panel.
Es schwebte direkt vor ihr, auf Augenhöhe, leuchtend und real und vollkommen unmöglich. Transparent wie Glas, aber fest wie eine Wand, und auf der Oberfläche standen Zahlen.
SYSTEMINTEGRATION ABGESCHLOSSEN. ÜBERLEBENDE WERDEN EINGESTUFT. MIRA VOSS BEWERTUNG LÄUFT...
Mira ließ fast den Kaffee fallen.
Um sie herum explodierten Reaktionen. Ein Mann drei Meter entfernt schrie auf nicht vor Angst, vor Freude. „Level sieben! Ich bin Level sieben, Krieger-Klasse, habt ihr das gesehen?" Eine Frau weinte, aber sie lächelte dabei. Ein Teenager fotografierte sein Panel mit dem Handy, als wäre es ein Spielstand.
Mira schaute auf ihre eigenen Zahlen.
STÄRKE: 0 GESCHWINDIGKEIT: 0 KAMPF: 0 KLASSE: NICHT ZUGEWIESEN
Sie blinzelte. Las es nochmal. Dann nochmal.
Null. Null. Null. Nicht zugewiesen.
„Lass mich sehen."
Damon griff nach ihrem Panel einfach so, ohne zu fragen, als hätte er das Recht dazu, weil er seit zwei Jahren ihr Verlobter war. Er nahm es in beide Hände und drehte es zu sich. Dann las er die Zahlen laut vor.
„Stärke null. Geschwindigkeit null. Kampf null." Er machte eine Pause. Dann, lauter: „Klasse nicht zugewiesen."
Er sagte es nicht einmal grausam. Das war das Schlimmste daran. Er sagte es einfach sachlich, wie jemand, der einen kaputten Gegenstand beschreibt. Die Leute in der Nähe hörten hin, weil es laut war, und einige drehten sich um.
Mira spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.
„Damon." Ihre Stimme war ruhig. Sie wusste nicht, wie, aber sie war ruhig. „Bitte gib mir mein Panel zurück."
Er ließ es los. Nicht grob. Einfach los. Als wäre es nicht mehr interessant.
Dann sah er das Mädchen.
Sie stand drei Meter entfernt. Groß, rotblond, und ihr Panel leuchtete in einem anderen Farbton als alle anderen, golden statt weiß. Level 8. Kriegerin. Mira sah die Zahlen, obwohl sie gar nicht hinschauen wollte. Das Mädchen lachte nicht über Miras Panel, schaute nicht einmal hin. Sie schaute Damon an.
Und Damon ließ Miras Hand los.
Nicht dramatisch. Nicht mit einer Erklärung. Er ließ sie einfach fallen wie etwas, das er versehentlich in der Hand gehalten hatte, und machte zwei Schritte auf das Mädchen zu.
Mira stands da.
Der Kaffeebecher war noch in ihrer Hand. Noch warm. Die Straße war laut um sie herum, Stimmen und Schreie und das Leuchten von hundert Panels in allen Farben, und sie stand mittendrin und war vollkommen unsichtbar.
Du bist überrascht, dachte sie. Warum bist du überrascht.
Sie war es nicht wirklich. Das war das Traurigste.
„Totes Gewicht."
Die Stimme kam von links. Tief, ruhig, absolut ohne Interesse.
Mira drehte sich um.
Der Mann war groß breiter als Damon, mit Narben auf dem Unterarm, die nicht von gestern stammten. Sein Panel leuchtete silbern. Level 12. Klasse: Sentinel. Er hatte nicht mal zu ihr hingeschaut, als er es sagte , er schaute auf ihr Panel, machte das Urteil in einer Sekunde und lief weiter.
Er lief einfach weiter.
Mira kannte ihn nicht. Hatte ihn nie gesehen. Und trotzdem saß das Wort in ihrer Brust wie ein Splitter, nicht weil er recht hatte, sondern weil er so sicher war. So vollkommen sicher, ohne eine einzige Sekunde nachzudenken.
Sie schaute ihm nach, bis er in der Menschenmenge verschwand.
Dann kam die erste Welle.
Es gab keine Vorwarnung. Keine Systemankündigung. Der Boden begann zu beben, und dann aus den Rissen zwischen den Pflastersteinen, aus den Gullys, aus den Spalten in den Gebäudemauern kamen die Monster.
Mira hatte keine Kategorie für das, was sie sah. Später würde das System ihr Namen geben. Jetzt gab es nur Schreie und Leuchten und die Erkenntnis, dass die Menschen um sie herum, die eben noch ihre Panels fotografiert hatten, jetzt kämpften. Level-7-Krieger, Level-5-Jäger, Level-3-alles sie zogen Waffen heraus, die das System ihnen gegeben hatte, und schlugen zu.
Mira stands still.
Ihr Panel blinkte. KLASSE NICHT ZUGEWIESEN: KEINE FÄHIGKEITEN VERFÜGBAR. FLUCHT EMPFOHLEN.
Flucht. Wohin?
Sie lief nicht, weil sie wusste, wohin, sondern weil alle anderen auch liefen und Stillstehen schlimmer war. Durch die Menge, weg von den Kämpfen, in eine Seitenstraße, wo es ruhiger war aber der Boden
Der Boden riss auf.
Nicht unter allen. Nur unter ihr. Ein einzelner Spalt, direkt, wo ihr linker Fuß gerade war, und dann war da kein Boden mehr, und sie fiel.
Sie versuchte, etwas zu greifen. Beton. Luft. Nichts.
Zwölf Meter. Vielleicht mehr. Sie schlug auf etwas Weiches auf Erde, feuchte Erde und rollte. Ihr Knöchel schrie auf. Ihre Knie auch. Der Kaffeebecher war irgendwo während des Falls verschwunden.
Stille.
Absolute, vollkommene Stille.
Mira lag auf dem Rücken und schaute nach oben. Der Spalt war noch da, ein schmaler Streifen roten Himmels, zwölf Meter über ihr. Sie konnte Schreie hören, aber sie klangen weit weg. Wie aus einem anderen Leben.
Ich lebe, dachte sie. Das ist unerwartet.
Ihr Knöchel würde nicht toll sein. Ihre Handflächen bluteten. Die Taschenlampe an ihrem Schlüsselanhänger funktionierte noch mit schwachem Licht, aber Licht. Sie richtete sie hoch und schaute sich um.
Eine Kammer. Natürlich gebildet oder schon immer da gewesen, sie konnte es nicht sagen. Stein. Feuchte Wände. Größer, als sie erwartet hatte.
Ihr Panel flackerte.
Mira hielt den Atem an.
Das Panel, das mit den vier Nullen, das Damon laut vorgelesen hatte, das ihr gesagt hatte, sie solle fliehen, flackerte dreimal. Dann öffnete sich darunter etwas Neues. Keine Fortsetzung. Keine Aktualisierung. Eine komplett andere Oberfläche, in einer anderen Farbe, mit anderen Buchstaben.
Mira setzte sich aufrecht, trotz des Knöchels, und las.
VERSTECKTE KLASSE ERKANNT. ARCHITEKTIN DES LETZTEN KÖNIGREICHS. FÄHIGKEITEN: BASISBAU RESSOURCENKARTIERUNG BEVÖLKERUNGSBINDUNG. DIESE KLASSE IST EINMALIG. SIE WURDE NOCH NIE VERGEBEN. BAUE DEINE ERSTE STRUKTUR, UM ZU BEGINNEN.
Mira las es dreimal.
Dann hörte sie in der Dunkelheit hinter ihr ein leises Geräusch.
Weinen. Klein. Leise. Das Weinen eines Kindes, das schon lange weint und aufgehört hat zu hoffen, dass jemand kommt.
Sie drehte sich um.
Ein Junge. Vielleicht zehn Jahre alt. Im Schutt zusammengekauert, beide Hände um einen kleinen Plastikdinosaur geklammert. Er schaute sie an, große Augen, kein Erschrecken, als hätte er keine Energie mehr dafür.
„Bist du die Rettung?", fragte er.
Mira schaute auf das Panel. Auf ihre vier Nullen. Auf die neue Oberfläche darunter mit dem Titel, den noch niemand hatte.
Dann schaute sie den Jungen an.
„Noch nicht", sagte sie. „Aber ich arbeite daran."
Und tief in der Kammer, in einer Wand, die aussah wie normaler Stein, begann etwas zu leuchten, als hätte die Erde selbst gewartet, dass jemand mit den richtigen Augen endlich hinschaut.
